Interview – Martin Benkovics Präsident der ÖNFG

Martin Benkovics Präsident der ÖNFG

Er ist Unternehmer, Kommunikationsprofi und seit Kurzem Präsident der Österreichischen Nigerianischen Freundschaftsgesellschaft. Martin Benkovics baut Brücken – beruflich zwischen Bühne und Business, ehrenamtlich zwischen Wien und Lagos. Im Interview erzählt er, warum ihn nigerianische DJs in den 80ern beeindruckt haben, was Österreicher über eine der größten Volkswirtschaften Afrikas wissen (Spoiler: fast nichts) und warum man zuerst zuhören sollte, bevor man etwas sagt.

ÖNFG: Martin, wann und wie bist du zum ersten Mal mit Nigeria in Berührung gekommen?

Martin Benkovics: Das ist schwer zu sagen. Ich unterscheide aber gerne das Land und die Menschen. Das erste Mal habe ich Nigerianer so um die Mitte der 80er kennengelernt. Als junger Mann war ich in der Gastronomie tätig und dadurch auch ständig unterwegs. Zeitweise habe ich mit Nigerianern zusammengearbeitet, die immer hinter dem DJ-Pult standen.

ÖNFG: Was hat dich an den Menschen aus Nigeria so fasziniert, dass daraus mehr wurde als eine flüchtige Begegnung?

Benkovics: Sie waren einfach cool für so einen jungen Burschen wie mich damals. Und sie waren immer respektvoll und freundlich. Nie überheblich oder abgehoben, auch wenn hunderte Leute am Abend nach ihrer Musik tanzten. Damals hatten die DJs zwar nicht den Star-Status, den sie heute erreichen können, aber sie sind trotzdem meist auf einem Podest gestanden und konnten die Stimmung in einem Lokal nach ihrem Gefühl steuern. Das war und ist einfach beeindruckend. Eine Zeit hat auch einer meiner nigerianischen Freunde damals mit mir zusammen gewohnt, nachdem er kurzfristig eine Bleibe gesucht hat. Es hat dann eine Zeit lang weniger Kontakt gegeben, aber durch meinen Bruder gab es immer eine bestehende Verbindung. Er ist derjenige, der immer Kontakt zu den Leuten hatte.

ÖNFG: Warst du selbst schon in Nigeria und wenn ja, was hat dich dort am meisten überrascht?

Benkovics: Nein, ich war noch nie in Nigeria, das steht aber ganz oben auf meiner Reiseliste. Durch meine Tätigkeit bei der ÖNFG habe ich mich intensiver mit dem Land auseinandergesetzt und finde es total faszinierend.

ÖNFG: Welches Vorurteil über Nigeria begegnet dir in Österreich am häufigsten – und wie reagierst du darauf?

Benkovics: Natürlich hat die nigerianische Diaspora mit dem oft verbreiteten negativen Image ein wenig zu kämpfen. Ich persönlich höre ganz selten negative Reaktionen. Die meisten Menschen sind sehr überrascht und neugierig. Wenn mir jemand doch mit einer negativen Reaktion kommt, reagiere ich mit Offenheit. Ich bin ein Mann der Kommunikation. Lasst uns reden, ist mein Motto.

ÖNFG: Du setzt auf „Geschichten statt Klischees“. Was bedeutet das konkret und warum ist das gerade im Zusammenhang mit Nigeria so wichtig?

Benkovics: Wenn ich mit Menschen, die noch nie etwas mit Nigeria zu tun hatten, rede, dann entsteht automatisch ein Bild im Kopf. Dieses Bild ist meist von der medialen Berichterstattung geprägt. Das ist auch absolut verständlich und nicht verwunderlich. In den Medien werden Meldungen über Nigeria oder Nigerianer:innen nicht unbedingt immer positiv dargestellt. Auch klar, böse Geschichten verbreiten sich leichter als gute Geschichten. Wenn man sich aber ein bisschen näher mit Nigeria beschäftigt, sieht man, wie reichhaltig, positiv, intelligent und spannend diese Welt ist. Wir versuchen, das wirkliche Nigeria zu zeigen. Nicht die paar asozialen nigerianischen Elemente, wie es sie übrigens in jedem Land gibt. Das hat nichts mit Nigeria zu tun. Ist ein Charakterproblem, kein Länderproblem.

ÖNFG: Euer Vorstand ist bewusst gemischt – Menschen mit und ohne nigerianische Wurzeln. Warum ist das wichtig?

Benkovics: Weil es um Menschen geht, egal woher sie kommen. Es ist absolut essenziell, dass wir einen gemischten Vorstand haben, weil wir auch Mitglieder haben möchten, die aus Österreich kommen, und ein rein nigerianischer Vorstand würde Österreicher auf den ersten Blick nicht unbedingt einladen. Die Menschen sollen mitbekommen, wie spannend Nigeria ist und mit uns in den Dialog treten. Wichtig ist einfach nur offen im Herzen zu sein. Es ist sogar egal, ob man Vorurteile hat. Das haben wir alle und das muss auch so sein. Die Vorurteile aber zu hinterfragen ist ebenso wichtig.

ÖNFG: Auf der Website steht: „Kein Networking-Theater.“ Was unterscheidet eine ÖNFG-Veranstaltung von einem klassischen Netzwerk-Event?

Benkovics: Wir planen gerade unser erstes Event und da steht ganz im Vordergrund die emotionale Verbindung zwischen Nigeria und Österreich. Ich bin beruflich sehr oft auf Netzwerkveranstaltungen, weil man dort viel erfährt und Menschen kennenlernt. Netzwerkevents sind immer beruflich ausgerichtet, können aber ins Private überfließen. Wir machen es umgekehrt. Wir machen Events, die zuerst die Emotion ansprechen und in das Berufliche überfließen können. Wir werden sehen, wie das funktioniert.

ÖNFG: Du arbeitest beruflich mit Schauspielern zusammen, die Businessleuten beibringen, wie man Menschen wirklich erreicht. Wie fließt diese Erfahrung in die ÖNFG ein?

Benkovics: Mit Schauspielern und Regisseuren sind alle Meetings enorm konstruktiv. Es gibt immer ein Thema, das ernsthaft und mit einem Ziel vor Augen diskutiert wird – wie eine Theater-Premiere. Da muss auch alles sitzen und jede/r hat seine/ihre Rolle. Nur gemeinsam ist man erfolgreich. Es gibt keine Ego-Spielchen, wie es oft im Berufsleben vorkommt. Zuhören, nachdenken, diskutieren, entscheiden, umsetzen – das ist der Weg zum Ziel. Diese Erfahrung versuche ich auch bei unseren Meetings umzusetzen. Ziel ist immer, dass wir mit einem Ergebnis aus den Meetings gehen und danach etwas machen. Die Arbeit mit den Schauspielern hat mir geholfen, mich noch mehr auf ein konkretes Ziel zu fokussieren.

ÖNFG: Du beschreibst dich selbst als „Brückenbauer zwischen Nigeria und Österreich“. Was braucht es, um so eine Brücke tragfähig zu machen?

Benkovics: Kommunikation. Zuhören und miteinander reden. Mehr ist es nicht. Und Respekt. Respekt vor anderen, auch wenn sie anderer Meinung sind. Selbst wenn eine Meinung nicht in mein Weltbild passt, sollte man zuhören. Eigentlich sollte man dann sogar noch intensiver zuhören. Die Reihenfolge sollte also sein: Respekt, zuhören, nachdenken – bevor man dann schlussendlich etwas sagt.

ÖNFG: Nigeria ist eine der größten Volkswirtschaften Afrikas mit über 200 Millionen Menschen. Wie viel wissen Österreicher deiner Erfahrung nach wirklich über dieses Land?

Benkovics: Nichts. Die Menschen aus meinem Umfeld haben sich aus meiner Sicht so gut wie gar nicht mit Nigeria oder Afrika auseinandergesetzt. Was einerseits logisch ist, weil man im Grunde nur Meldungen über Flüchtlingsströme aus Afrika mitbekommt und wer will schon mit Flüchtlingsströmen konfrontiert werden. Der Kontinent ist allerdings in vielerlei Hinsicht extrem spannend. Afrika hat im Gegensatz zu Asien oder Amerika so gut wie keine Zeitverschiebung. Und es gibt zum Beispiel in Lagos eine sehr große kreative Startup-Szene, die viele IT-Fachkräfte hervorbringt. Fachkräftemangel, IT-Fachkräfte, remote arbeiten und keine Zeitverschiebung – da brauche ich kein Visionär zu sein, um eins und eins zusammenzählen zu können.

ÖNFG: Gibt es wirtschaftliche Kooperationen zwischen Nigeria und Österreich, die du aktiv anstößt oder begleitest?

Benkovics: Noch nicht, aber das ist ganz klar unser zukünftiges Ziel und es können sich gerne jetzt schon Unternehmen bei uns melden. Wie erwähnt, gibt es 200 Mio. Einwohner, 20 Mio. alleine in Lagos – das ist übrigens von der Fläche halb so groß wie Vorarlberg. Die Dimensionen kann man sich als Österreicher gar nicht vorstellen.

ÖNFG: Was können Österreicher von Nigerianern lernen und umgekehrt?

Benkovics: Als Österreicher kann ich nur sagen, was ich von Nigerianer:innen lernen kann. Es ist total spannend, mit welcher Energie und Emotion sie an Themen rangehen. Das beeindruckt mich und freut mich, miterleben zu können. Ich lerne, wie man mit Herz an eine Sache rangeht. Und ich lerne, wie vorsichtig und zurückhaltend sie teilweise sind, weil sie Vorurteilen ausgesetzt sind. Außerdem bekomme ich mit, wie hoch der Stellenwert des Respekts ist. Das ist wirklich sehr erstaunlich und absolut nachahmenswert. Was Nigerianer:innen von Österreicher:innen lernen können, steht mir nicht zu zu sagen, das sollen die Nigerianer:innen beantworten. Ich glaube, wir Europäer haben viel zu oft und sehr oft schmerzhaft Afrikanern gesagt, was sie von uns lernen können. Wir sollten mehr zuhören und weniger vortragen.

ÖNFG: Wo soll die ÖNFG in fünf Jahren stehen und welche Rolle soll Nigeria dabei spielen?

Benkovics: Die ÖNFG soll für alle die erste Adresse sein, wenn Menschen mehr über Nigeria erfahren möchten. Ich würde es spannend finden, wenn wir viele Unternehmen animieren könnten, in Nigeria zu investieren und mit Nigerianer:innen zusammenzuarbeiten.

ÖNFG: Wenn du einen Wunsch frei hättest, der das Verhältnis zwischen Österreich und Nigeria betrifft, welcher wäre das?

Benkovics: Schwierige Frage. Ich hätte so viele Wünsche, aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann hätte das nicht nur mit Nigeria zu tun, sondern würde alle Menschen betreffen. Ich wünsche mir, dass alle Menschen erkennbares unterschiedliches Aussehen wie Hautfarben, Körperbau, religiöse Zugehörigkeit oder sexuelle Orientierung einfach nicht mehr wahrnehmen und jedem Menschen offen und neugierig gegenübertreten.

ÖNFG: Zum Schluss: Was würdest du jemandem sagen, der überlegt, Mitglied bei der ÖNFG zu werden – aber noch zögert?

Benkovics: Rede einfach mit uns. Im Grunde möchte ich niemanden überzeugen beizutreten. Es ist eine emotionale Entscheidung. Fühle ich mich wohl bei euch oder nicht. Interessiere ich mich für andere Kulturen oder nicht. Bei uns sind alle willkommen, die offen sind und mit uns reden wollen. Wenn sich das gut anfühlt, dann herzlich willkommen.