„Stoff – ein Spitzengeschäft“: Wie Nigerias Frauen Lustenaus Spitzenhandel prägten

cStadtkinoFilmverleih

Spitzen aus Vorarlberg, Märkte in Lagos, ein Importverbot und ein Schmuggelnetzwerk, das bis zur Umdeklarierung als „Schulbücher“ reichte: Der Dokumentarfilm „Stoff – ein Spitzengeschäft“ erzählt eine wenig bekannte Verflechtung zwischen Nigeria und Österreich und rückt dabei konsequent weibliche Akteurinnen ins Zentrum.

Regie führten Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe, Anette Baldauf und Katharina Weingartner. Der Film folgt dem Textilhandel in Lustenau und verschiebt die Perspektive weg von einer kolonialen, häufig männlich geprägten Erzählung hin zu jener der Frauen, die diesen Austausch wirtschaftlich trugen. Weingartner, selbst Vorarlbergerin, verfolgt die Idee zu diesem Projekt seit Jahren.

In den 1960er Jahren waren industriell gefertigte Spitzen in Nigeria stark gefragt. 1977 erklärte Nigeria Spitzenstoffe zu Luxusgütern und verbot die Einfuhr. Was wie ein Ende des Geschäfts klingt, wurde zum Motor einer neuen Logistik: Der Handel verlagerte sich, Umwege über Benin wurden zentral, und Ware soll teils als „Schulbücher“ deklariert worden sein. Der Film zeichnet daraus ein ebenso lukratives wie riskantes Schmuggelgeschäft nach, inklusive Bargeldtransporten in Koffern.

Getragen wird die Erzählung vor allem von zwei Protagonistinnen, die unterschiedliche Seiten derselben Geschichte verkörpern: Grete Bösch, die sich selbst als Geldschmugglerin bezeichnet und ihre Erfahrungen auch publiziert hat, und Ireti Bakare-Yusuf, Tochter der „Queen of Lace“. Bakare-Yusuf führt durch den Gutta Market in Lagos und beschreibt, wie selbstverständlich nigerianische Frauen Handel betrieben, Netzwerke organisierten und damit wirtschaftliche Macht ausübten. Kontrastiert wird das mit Rollenbildern in Vorarlberg, die aus ihrer Sicht irritierend wirkten: dass viele Frauen nicht erwerbstätig waren, sondern Hausarbeit und Familie übernahmen.

Der Film zeigt zudem, wie eng wirtschaftlicher Erfolg, Abhängigkeiten und moralische blinde Flecken zusammenhängen. Angeschnitten werden unter anderem historische Verstrickungen des Vorarlberger Textilhandels in den Sklavenhandel, ebenso wie die Ausbeutung türkischer Arbeiterinnen. Visuell setzt der Film starke Gegenbilder: die Präsenz und Würde der nigerianischen Frauen, deren farbenprächtige Roben wie eine bewusste Inszenierung von Status und Selbstverständnis wirken.

„Stoff – ein Spitzengeschäft“ ist ein Film, der kulturelle Perspektiven erweitert, ohne einfache Antworten zu liefern. Er hinterlässt Wirkung, weil er Handel nicht romantisiert, sondern als Machtgefüge zeigt. Der Film ist derzeit in österreichischen Kinos zu sehen.